FORM FOLGT FUNKTION - Was das für den Wurf bedeutet

Der Satz „Form follows function“ stammt ursprünglich aus der Architektur und dem Design. Er bedeutet: Die Form eines Objekts soll sich aus seiner Funktion ergeben. Was auf Gebäude, Möbel oder Werkzeuge zutrifft, lässt sich auch sehr gut auf den menschlichen Körper – und den Sport – übertragen.

Denn auch unser Körper folgt diesem Prinzip:
Strukturen verändern sich durch das, was wir täglich tun – oder nicht tun.

Muskeln, Faszien, Gelenke, Haltung, Atmung und sogar unser Nervensystem passen sich laufend an Belastungen, Gewohnheiten und innere Zustände an. Der Körper ist dabei nicht statisch. Er reagiert, kompensiert, reguliert.

Beim Wurf im Basketball verhält es sich nicht anders. Um erfolgreich zu werfen, muss die Wurfbewegung zunächst die Zugrunde liegende Funktion erfüllen:

Den Ball so zu bewegen, beschleunigen und umlenken, dass er mit Richtung und Geschwindigkeit – einem Vektor – abgeworfen wird, der dazu führt, dass der Ball durch den Ring geht.

in zusätzliches, wichtiges Kriterium ist, dass dieses Resultat möglichst oft und zuverlässig reproduziert werden kann. 
Dabei ist ganz entscheidend: Das Resultat (= Funktion) soll reproduziert werden, nicht das Aussehen (= Form).

Mit dieser Erkenntnis zeigt sich bereits, dass der traditionelle, weitverbreitete Ansatz Spielern zunächst eine gewisse Idealtechnik (=Form) beizubringen oder gar aufzuzwängen in der Hoffnung, dass dadurch ihre Wurfquote (= Resultat) besser wird, wahrscheinlich nicht zu optimalen Ergebnissen führen wird. 

Der ein oder andere wird jetzt entgegen wollen, dass die besten Werfer aber alle mit der gleichen Form werfen. Und ich stimme zu, dass sich die Würfe sehr ähneln.  Denn sie weisen alle sehr ähnliche oder gleiche Schlüsselelemente auf, da alle dieselbe Funktion erfüllen sollen. 

Zum einen soll das Ergebnis reproduzierbar sein, zum anderen soll der Spieler in der Lage sein aus möglichst vielen Situationen seinen Wurf ausführen zu können.

Ein wichtiges Schlüsselelement ist zum Beispiel, dass die Handmitte bei der Abwurfbewegung unter dem Ball ist. Ganz analog zu Billiard.

Treffe ich die weiße Kugel genau in der Mitte, fliegt sie genau gerade aus. Treffe ich zu weit rechts, geht sie nach links. Zu weit oben oder unten und nicht alle Kraft wird auf die Kugel übertragen, weshalb sie mit weniger Geschwindigkeit fliegt. 

Sehr gute Werfer zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Handmitte im Wurfverlauf unter den Ball bekommen. Hierzu habe ich bereits einen Blogpost veröffentlicht.

Zwei weitere wichtige Einflussfaktoren, die die Funktion und damit die Form bestimmen:

Die Position des Verteidigers und die Bewegung des eigenen Körpers.

Der Wurf muss so erfolgen, dass er nicht vom Verteidiger abgeblockt werden kann.

Das bedeutet, er muss entweder so schnell abgeworfen werden, dass der Verteidiger nicht rechtzeitig reagieren oder den Abstand zum Werfer verkürzen kann. Oder er wird so hoch abgeworfen, dass der Verteidiger die Hand nicht in die Flugkurve bringen kann.

Das heißt: Im Optimalfall muss der Wurf möglichst wenig Zeit und wenig Raum benötigen, um geworfen werden zu können, sodass mehr Wurfoptionen bestehen.

Es geht also nicht um die richtige Technik, sondern vielmehr um eine grundlegende Wurfstrategie, aus der sich eine Technik heraus entwickelt.

Damit einhergehend kommt der zweite Einflussfaktor zum Tragen, besonders wenn die Verteidigung organisierter wird. Um eine Wurfoption zu erspielen oder zu nutzen, wird der Werfer zunehmend aus der Bewegung werfen müssen. Entweder aus dem Drive mit Dribbling, nach einem indirekten Block, oder aus einer Rotationsbewegung als Konterbewegung. 

Die zusätzliche Aufgabe besteht nun also darin, das eigene Momentum, die Bewegung im Raum mit einzuberechnen und dennoch den Ball so kontrollieren und stabilisieren zu können, dass in der Abwurfbewegung möglichst wenig Fehler auftreten, da die Kraftübertragung auf den Ball optimal gesichert ist. 

Schaut man sich sehr gute Werfer an, so unterscheiden sich ihre Würfe, je nach Situation, aus der sie werfen. Ist der Verteidiger näher, werfen sie aus höherer Position. Sind sie frei, haben Zeit und sind weiter weg vom Korb, wird der Wurfansatz wahrscheinlich tiefer sein.

Als Beispiel sehen wir zwei Bilder von Alec Peter, dem wohl besten Pure-Shooter in Europa zurzeit. Im ersten Bild wirft er im Trainings-Setting, also ohne Gegenspieler, etwa von der Dreierlinie.

Auch wie eingangs beschrieben hat die körperliche Verfassung einen Einfluss, deshalb ändert sich auch innerhalb eines Spiels die Wurfstrategie, da z.B. die Beine weniger Kraft haben. 

 

Deshalb stellt die Anpassungsfähigkeit des Wurfes eine wichtige funktionelle Komponente des Wurftrainings dar, weshalb ich inzwischen von starrem „Form Shooting“ weggegangen bin und früh in der Wurfschulung auf herausfordernde Wurfbewegungen setze. Voraussetzung ist für mich jedoch, dass die Spieler eine Grundstrategie trainieren, die auch einen hohen, positiven Transfer auf das Spiel hat.

 

Deshalb setze ich auch bei der Wurfschulung in der u12 bereits darauf, eine Wurfstrategie zu trainieren, die aus einer hohen Wurfauslage erfolgt. Damit junge Spieler den Kontext dahinter verstehen, lasse ich sie zunächst über einen stehenden Verteidiger werfen, sodass sie selbst zur Erkenntnis kommen, wieso das Training eines Wurfes aus höherer Wurfauslage für sie vorteilhaft ist. 

Nicht, weil sie jeden Wurf so werfen sollen, sondern damit sie bereits diese Vorerfahrung gemacht haben, sodass sie in Spiel und Training diese Strategie nutzen können, wenn sie benötigt wird. Zumal sich bei einem höheren Wurfansatz das Timing zwischen Hüftstreckung und Ellbogenstreckung verändert. Ich möchte Spielern früh diese Bewegungserfahrung sammeln lassen, sodass sie im Altersgang leichter und vielseitiger ihren Wurf anpassen können.